Magersucht – Anorexie

● Allgemeines über Magersucht
● Verhaltensmerkmale bei Magersucht
● Diagnostische Hinweise für Magersucht
● Folgen von Magersucht
● Wege aus der Magersucht
● Therapie gegen Magersucht

● Allgemeines über Magersucht

Magersucht, auch Anorexie gennant, bedeutet fehlendes Verlangen (kein Hunger, Appetitlosigkeit). Diese Beschreibung wird oft falsch verstanden, denn die Betroffenen leiden nicht an fehlendem Hungergefühl, sondern sie unterdrücken diese Gefühle vor allem in der Anfangszeit bewusst. Durchgesetzt hat sich in der Medizin vor allem der Begriff Anorexia nervosa, der verdeutlicht, dass dieses Krankheitsbild auf psychische Ursachen zurückzuführen ist. Die Magersucht wird in der Medizin schon seit Jahrhunderten untersucht und beschrieben. Sowohl in der Antike wie auch im Mittelalter galt die Askese, wobei sich im Zug der christlichen Tradition das Fasten zur wichtigsten Form herauskristallisierte, als eine mögliche Form der Unabhängigkeit von körperlichen Bedürfnissen. Heutige Magersüchtige und die asketisch-mystischen Heiligen des Mittelalters unterscheiden sich allerdings klar in einem Punkt: dem Umgang mit dem eigenen Körper. Magersüchtige wollen ihren Körper durch Nahrungsverweigerung reduzieren und wollen durch dieses Missachten ihren Körper leugnen. Die mittelalterlichen Märtyrer hingegen wollten ihren Körper nicht nur der Attraktivität berauben, sondern auch durch Selbstbestrafung ihre Leiden erhöhen. Dieser kleine Ausflug in die Geschichte verdeutlicht die Qual eines magersüchtigen Menschen. Magersüchtige sind von ihrem äußeren Erscheinungsbild auffallend dünn. Sie sind hoch sensibel für die Bedürfnisse anderer und können sich verbal gut mit Freunden, Bekannten und Verwandten auseinander setzen. Der Zugang zu ihrer eigenen Gefühlswelt ist ihnen jedoch sehr schwer möglich. Daher ist es auch für nahe stehende Personen schwer, sie emotional zu erreichen und zu stützen. In der Magersucht kann man zwei Typen unterscheiden: den restriktiven Typ und den Binge-Purging-Typ. Eine Gewichtsreduktion durch Hungern und Bewegung, ohne Erbrechen oder Missbrauch von Medikamenten entspricht der ursprünglichen Form der Magersucht. Dieser restriktive Typ ist in der Verweigerung von Nahrungsmitteln am hartnäckigsten. 60% der Magersüchtigen können diese Form des radikalen Hungerns nicht mehr aufrechterhalten und verschlingen dann in Fressattacken große Mengen an Nahrung. Trotz des bulimischen Verhaltens zählt der Binge-Purging-Typ zu den Anorektikern, da die Fressanfälle wesentlich seltener vorkommen als bei Bulimikern.

● Verhaltensmerkmale bei Magersucht

Ein Auszug an möglichen Verhaltensweisen bei Anorexia nervosa:

· Fehlender Kontakt zum Körper und dessen Bedürfnissen.
· Der Körper wird als Feind erlebt und bekämpft.
· Ständiges Wiegen und sich zu dick fühlen.
· Der Kopf kontrolliert und steuert.
· Kontrolle vermittelt das Gefühl, autonom und selbständig zu sein.
· Manchmal übertriebene Sparsamkeit und extremer Reinlichkeitssinn, Ablehnung jeglicher lustbetonter Betätigung, eine ausgesprochen spartanische Lebensweise.
· Rückzugsverhalten.
· Schwarzweißdenken und depressive Verstimmungen.
· Ritualisiertes Essverhalten.
· Extrem langsames Essen, extrem heiß, kalt oder scharf essen.
· Verzehr von Baby- oder Kindernahrung, breiige Kost.
· Bevorzugung von kalorienarmen Nahrungsmitteln und Getränken, meist sehr einseitige Nahrungsauswahl.
· Essen vortäuschen, kauen und ausspucken.
· Nahrungsmittel sehr klein schneiden.
· Getränke löffeln.
· Zuckerfreie Bonbons lutschen oder Süßstoff lutschen.
· Kochen, backen, Rezepte sammeln und andere zum Essen animieren.
· Nur von Puppengeschirr essen bzw. nur aus bestimmten Gefäßen essen.
· Vieles im Stehen machen.
· Sich Kälte aussetzen.
· Bewegungsdrang nach dem Essen.
· Exzessiv Sport treiben (z.B. täglich ins Fitness-Studio).
· Ständig Muskeln anspannen.
· Nur noch Treppen steigen – Aufzüge und Rolltreppen meiden.
· Tragen von schweren Taschen/Rucksäcken.
· Die Betroffenen verweigern sich über lange Zeit, sich ihre Krankheit einzugestehen.

● Diagnostische Hinweise für Magersucht

· Andauernde, übertriebene Beschäftigung mit Figur und Gewicht.
· Krankhafte Furcht davor, dick zu werden.
· Scharf definierte, sehr niedrige persönliche Gewichtsgrenze.
· Mindestens zwei Essattacken pro Woche in einem Zeitraum von über drei Monaten.
· Dabei schnelle Aufnahme großer Mengen meist leicht verzehrbarer und kalorienreicher Nahrungsmittel.
· Das Gefühl des Kontrollverlustes über das Essverhalten während der Anfälle.

Im Anschluss versuchtes Rückgängigmachen der Kalorienzufuhr über:

· selbstinduziertes Erbrechen
· Medikamentenmissbrauch (z.B. Abführmittel, Entwässerungstabletten…)
· strenge Diäten / Fastenphasen
· übermäßige körperliche Betätigung

● Folgen von Magersucht

Die körperlichen Folgeschäden sind z.B. das Absinken des Stoffwechsels, des Pulses, des Blutdrucks und der Körpertemperatur. Diese Beeinflussungen des gesunden Organismus führen zu Müdigkeit, Frieren und Verstopfung. Hormonelle Veränderungen treten durch trockene Haut und brüchige Haare in Erscheinung, die sich auch im Ausbleiben der Menstruation und im Extremfall auch in einer Veränderung der Körperbehaarung äußern. Bei einer Erkrankungsdauer über mehrere Jahre kann es als Folge der hormonellen Störungen auch zu Osteoporose kommen (Verringerung der Knochendichte). Bei Einnahme der Pille zur Schwangerschaftsverhütung tritt die Menstruation weiterhin ein. In diesem Fall kann trotz auftretender Menstruation eine Magersucht vorliegen.

Die seelischen Folgen sind z.B. der ständige zwanghafte Vergleich mit anderen Menschen, ein starkes Kontrollbedürfnis, Schuldgefühle, wenn etwas schmeckt, Angst vor eigenen Bedürfnissen, Selbsthass, Geiz, zwanghaftes Verhalten (Waschen/Putzen), sozialer Rückzug, depressive Verstimmungen, manchmal auch selbstverletzendes Verhalten. Bei Menschen, die an Anorexie leiden, kann es auch in Folge zu Substanzmittelmissbrauch, Alkoholmissbrauch oder Aufputschmittelmissbrauch kommen.

● Wege aus der Magersucht

Dringender Handlungsbedarf für Angehörige und Freunde besteht, wenn Betroffene apathisch reagieren, nur noch mit leiser Stimme sprechen, kraftlos sind und beim kleinsten Konflikt mit Weinen reagieren. Diese Alarmsignale dürfen nicht ignoriert werden. Da vor allem bei Anorexia nervosa eine Krankheitseinsicht oft fehlt, dürfen Betroffene nicht dazu gezwungen werden zum Arzt zu gehen. Das wäre für eine langfristige Genesung sinnlos, da die persönliche Einsicht fehlen würde. Es ist wichtig, dass Angehörige sich bei fehlender Krankheitseinsicht der Betroffenen an eine Beratungseinrichtung wenden und sich professionelle Hilfe holen.
Für einen magersüchtigen Menschen ist der erste Schritt aus diesem Teufelskreis die Einsicht. Der Patient muss die Selbsttäuschung aufgeben und sich selbst eingestehen, dass er krank ist. In weiterer Folge muss die Akzeptanz medizinischer und therapeutischer Hilfe aus eigener Überzeugung passieren.

● Therapie gegen Magersucht

Psychotherapeutische Verfahren spielen die wichtigste Rolle bei der Behandlung von Ess-Störungen. In Einzel-, Gruppen- und Familietherapien setzt die Behandlung vor allem auf der kognitiven, der künstlerisch-gestalterischen und der körperlich-expressiven Ebene sowie beim Essverhalten an. Dabei soll vor allem die Selbstverantwortlichkeit entdeckt und gefördert werden und gerade bei jugendlichen Essgestörten eine soziale Reintegration, die für eine andauernde Gesundung mit entscheidend wirkt, erreicht werden. Die Therapie erfolgt je nach Diagnose der Krankheit stationär, tagklinisch, teilstationär oder ambulant. Auf das Verschreiben von Medikamenten, in erster Linie Psychopharmaka, wird heutzutage weitestgehend verzichtet. Zu einem Einsatz kommt es gegebenenfalls nur, wenn besondere psychopathologische Symptome erkennbar sind.

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